1. Behinderten-Weltmeisterschaft im Kanu in Poznan (Polen) vom 19. bis 22. August 2010

Bei der erstmaligen Behinderten-WM nahmen aus unserem Verein Ricco Ladewig, Henry Schröder und Gerhard Bowitzky teil. Die Vorläufe standen am 19. August auf dem Plan. Gerhard Bowitzky gewann seinen Vorlauf souverän. Im Finale am Freitag belegte er den 2. Platz mit einer Zeit von 57.046 s. Er musste sich nur dem 14 Jahre jüngeren Sportler Patrick Viriamu aus Tahiti geschlagen geben, der eine Zeit von 54.918 s erreichte. Henry Schröder errang im Finale einen 5. Platz im K1 A.

Experiment Behinderten-Weltmeisterschaft erfolgreich

Zur 1. Behinderten-Weltmeisterschaften in Poznan kamen die Athleten aus 28 Nationen und aus allen Kontinenten. Sie traten in vier verschiedenen Bootsklassen und in je drei verschiedenen Wettkampfklassen an. Dieser Umstand machte für das kleine deutsche Team ein Ausscheidungsrennen zwischen Henry Schröder (Schwedt) und Michael Katzenmaier (Stuttgart) im Kajakbereich notwendig. Nur ein Athlet pro Behindertenklasse pro Nation war startberechtigt. Beide Sportler gehören der Behindertenklasse (A) an. Henry Schröder konnte diese Vorausscheidung noch im eigenen Land für sich entscheiden. Michael konnte deshalb in der mittleren Behindertenklasse (TA) an den Start gehen. In dieser Klasse wurde aber Ricco Ladewig (Schwedt) klassifiziert. Somit musste Ricco in die Leichtbehindertenklasse (LTA) antreten. Michael und Rico mussten so in Kauf nehmen, in den leichteren Behindertenklassen anzutreten.

Am 19. August veränderten sich die Witterungsbedingungen in Poznan zum späten Nachmittag extrem. In dieser Zeit mussten Gerhard Bowitzky im Outdrigger (Canadier mit Ausleger) und Ricco Ladewig im K1 zu den Vorläufen an den Start gehen. Böiger stürmischer Wind verwandelte die Regattastrecke in eine regelrechte Unwetterzone. Erste Kenterungen auch von einigen "nichtbehinderten" Sportlern waren die Folge. Den Vorlauf im Outdrigger konnte Gerhard für sich entscheiden. Im Anschluss sollte Ricco starten. Bei der Anfahrt auf seine Bahn ist Ricco leider gekentert, was aber auch anderen Teilnehmern seines Laufes passierte. Dieser Vorlauf wurde dennoch gestartet. Danach brach der Veranstalter die gesamte Regatta ab.

Am Freitag, 16.00 Uhr brachte Henry seinen K1 im Endlauf in Startposition. In dieser Behindertenklasse starteten 8 Athleten. Bis zur Hälfte der vorgegebenen Stecke (200 m) war Henry weit vorn. Eine Medaille schien in Aussicht. Im Ziel belegte er Platz 5. Es fehlten ihm knapp 3 Sekunden zur Bronzemedaille. Um diese Medaille zu erreichen, war die Vorbereitungszeit einfach zu kurz. Dennoch kann Henry mit diesem Ergebnis und vor allem, wie er es erzielt hat, sehr zufrieden sein. Er und Ricco haben noch große Reserven. Sie können sich darauf aufbauend auf weitere Ziele vorbereiten.

Um 16.10 Uhr fand das Finale im Outrigger statt. Nach dem souveränen Vorlaufsieg waren viele der Meinung, Gerhard wäre in der Lage, das Rennen zu gewinnen. Beim Lesen der Startunterlagen stellten wir fest, dass er mit seinen 55 Jahren der absolut älteste Teilnehmer war. Nach einem ordentlichen Start zeichneten sich die beiden besten Sportler schnell ab. Nach 100 m konnte der Sportler aus Tahiti einen Vorsprung herausarbeiten. Das Finish fiel dann zu seinen Gunsten aus. Die 14 Jahre Altersunterschied sind nicht so leicht wettzumachen. Mit einer Silbermedaille ist Gerhard aber auch zufrieden, wie wir alle.
Sehr gefreut hat er sich, als wenig später Brandenburgs Minister Baske und der Präsident des DKV Thomas Konietzko in der Bootshalle der Nationalmannschaft erschienen und ihm zur 1. Medaille für das deutsche Team gratulierten. Auf dem Weg zur Siegerehrung überbrachte auch Dieter Fiebig, Präsident des Landessportbund, seine Glückwünsche.

Nach der Zeremonie wurden Henry und Gerhard zum traditionellen Brandenburg-Abend ins Deutsche Haus eingeladen. Da bis zu diesem Zeitpunkt nur die Para-Kanuten Finals ausgetragen hatten, war dies die einzige Medaille für Deutschland. Mit einem Applaus wurden Gerhard und Henry von den Potsdamer Sportlern der Nationalmannschaft und den anwesenden Gästen begrüßt. Im Weiteren fanden an der Tafel des Hauptsponsors (techem) Gespräche mit dem Bürgermeister von Poznan, Minister Baske und dem Präsidenten des LSB, statt. Eine besondere Ehre wurde Gerhard zuteil, als ihm der Ehrenpräsident des Deutschen Kanuverbandes und langjährige Präsident des ICF Ulrich Feldhoff zu seinem Erfolg gratulierte und ihn aufforderte, sein Training bis zu den Paraolympics 2016 in Rio de Janairo fortzusetzen.

Da die Para-Weltmeisterschaft im Kanurennsport noch in den "Kinderschuhen" steckt, gab es bei der Vorbereitung von Seiten der Veranstalter und vom DKV noch einige Holperstrecken in der behindertengerechten Ausführung. Die Bootstypen der einzelnen Bootsklassen müssen wie im normalen Rennsport einer bestimmten Norm entsprechen. Genau nach diesen Vorgaben hatte der DKV unseren behinderten Sportlern Boote zur Verfügung gestellt. Da jeder Sportler im Kanubereich sein eigenes für seine Behinderung speziell präpariertes Boot fährt, will auch jeder Sportler mit seinem eigenen Boot starten. Ca. 14 Tagen vor den Weltmeisterschaften erklärte der Veranstalter, dass die Behinderten einheitliche Boote vor Ort benutzen sollten. Nach nervenaufreibenden Kämpfen erreichte die deutsche Behinderten-Nationalmannschaft, dass Gerhard Bowitzky sein eigenes Boot nutzen durfte. Das war Beispiel für andere Nationen, die sich dieser Regel auch nicht beugen wollten. So kam es, dass wir der amerikanischen Nation mit unserem Outrigger im Damenbereich aushelfen konnten. Unsere Parakanuten hoffen, dass bis zu den nächsten Weltmeisterschaften die Teilnehmerzahl weiter ansteigt und die Teilnahmebedingungen so geändert werden, dass sie in ihren eigenen Behindertenklassen starten können. Dies würde ihre Gewinnchancen erhöhen.

Das insgesamt positive Ergebnis wäre ohne die kompetente Arbeit unseres Orthopädie-Techniker Ingolf Hentsch nicht möglich gewesen. Die von ihm entwickelten Einbauten für die Querschnittsgelähmten und beinamputierten Teilnehmer waren bei der Parakanuten aus der ganzen Welt, der "Renner". Wenn unsere Boote auf dem Sattelplatz lagen, standen immer wieder Sportler und Betreuer dabei, fragten bei uns nach und fotografierten von allen Seiten.

Ein weiteres herzliches Dankeschön richten die Teilnehmer an ihren Trainer Fred Mielke. Seine Erfahrungen und vor allem seine Art zu motivieren waren es letztlich, die Henry, Ricco und Gerhard den Weg zu dieser Leistung ermöglichten.

Diese WM hat bewiesen, dass Kanusport und Behinderung nichts Gegensätzliches sein müssen. Im Gegenteil! Wir rufen behinderte Mitmenschen auf, sich mit uns zu treffen, um gemeinsam Sport zu treiben. Dabei muss es nicht mit der Teilnahme an einer WM verbunden sein. In der Freizeit mit Gleichgesinnten aktiv sein und die Natur auf dem Wasser mit Freunden und Familie erleben, können schöne Ziele sein.